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Drei Länder. Eine Woche. Fünf Flüge.

Montenegro, Serbien, Bosnien-Herzegowina.

Drei Länder, eine Woche, fünf Flüge. Und viele ganz unterschiedliche Eindrücke. Kommen Sie mit auf meine Dienstreise im Dezember und erleben Sie unsere Missionsarbeit auf dem Balkan hautnah.

Montenegro

Sonntagnachmittag. Die Maschine der Montenegro Airlines fliegt über der kroatischen Adriaküste Richtung Osten. Landeinwärts sehe ich das zerklüftete Gebirge Bosniens mit felsigen Hängen und weiten Wäldern. Ich freue mich auf den Besuch in Montenegro, das kleine Land liegt mir sehr am Herzen. Am Montagabend werde ich dann nach Belgrad weiterfliegen und am Motivationstreffen für die Verteiler der serbischen Literaturarbeit teilnehmen. Sie alle haben sich in den vergangen Monaten sehr engagiert, denn sie wollen bis Ende Dezember 280 000 Haushalten das Evangelium bringen. 170 000 Traktate wurden zusätzlich per Post in abgelegenen Regionen verteilt. Am Schluss meiner Reise geht es dann nach Sarajevo, Bosniens Hauptstadt. Der Landesleiter Radovan wird nach 15 Jahren treuem Dienst und unzähligen Reisen durchs ganze Land pensioniert. Verschiedene Gespräche mit Leitern und Kandidaten sollen Klarheit für die Zukunft der Literaturarbeit in dem nach Ethnien und Religionen geteilten Land bringen.

Vladimir C. holt mich am kleinen Flughafen von Podgorica ab. Zwei Stunden später predige ich in seiner Gemeinde über Psalm 43. Es geht darum, in schweren Zeiten die richtige Richtung zu finden. Nicht weg von Gott, sondern in seine Gegenwart, in seine Nähe, so dass ich wieder aus tiefstem Herzen sagen kann: «Gott, oh mein Gott!» Ich sage die Worte auf Montenegrinisch: «Bosche, o Bosche moi!» Es klingt viel wärmer und inniger als in unserer Sprache. Gottes Wort berührt die Besucher tief im Herzen. Ich frage: «Wer möchte bezeugen, dass er ganz neu in Gottes Nähe und Gegenwart treten will? Wer will ganz neu sagen: Bosche, o Bosche moi?» Vier Männer kommen nach vorne. Einer ist Lazar. Er stellt sich dicht neben mich. Ich lege meinen Arm über seine Schulter. Vladimir betet. Ich verstehe seine Worte nicht, spüre aber, wie er selber sehr berührt ist. Lazar war früher drogensüchtig. Gott hat ihn frei gemacht. Sein Zeugnis haben wir in der ersten Verteilbroschüre für Montenegro erzählt. Auch ein Moslem ist im Gottesdienst. Er hat vor einiger Zeit unser Traktat bekommen, kam in den Gottesdienst und ist sehr offen. Er sagt nach dem Gottesdienst zu Valdimirs Frau Marina: «Ich wollte auch nach vorne gehen, aber ich hatte den Mut nicht.» Er will sich bald mit Vladimir treffen.

Danach sitze ich mit Vladimir und Nedeljko zusammen. Es ist kein leichtes Gespräch. Ein paar Tage vor meinem Besuch hat Nedeljko ganz überraschend mitgeteilt, dass er keine Literatur mehr verteilen wolle. Sieben Monate lang war er treu unterwegs. 35 000 Broschüren hat er verteilt. Auch als es kaum Reaktionen gab, sagte er: «Ich bleibe dran. Ich mache diese Arbeit sehr gern.» Doch nun hat er keine Kraft und Freude mehr. «Es ist definitiv. Die Aufgabe ist mir zu anstrengend und nun kommt der Winter. Seit einigen Wochen bete ich zu Gott, er solle mir diese Last abnehmen und mir einen neuen Weg zeigen.» Was soll ich sagen? Das Wichtigste ist, dass nicht den Glauben verliert. «Achte darauf, dass du ganz in Gottes Nähe bleibst und die richtige Richtung nicht verlierst. ‹Bosche, o Bosche moi!›, nichts ist wichtiger. Gott kennt deinen Weg und deine Zukunft.» Es ist ein trauriger Abschied. Nedeljko spricht davon, nach Serbien zu seinen Verwandten zu ziehen. Er war vor 15 Jahren der erste gläubige Mann in der Gemeinde von Podgorica. Viele kamen durch ihn in die Gemeinde. Nun ist er der zweite Mitarbeiter innert einem Jahr, der in Montenegro aufgibt. Gottes Wort verbreiten ist kein Kinderspiel. Es ist eine physische und eine geistliche Herausforderung. Montenegro blieb bis jetzt dem Evangelium gegenüber sehr verschlossen. Tradition, Aberglaube, Stolz und Gleichgültigkeit prägen das kleinste Land des Balkans. Beten Sie weiter! Nur Gott kann Herzenstüren öffnen.

Am Montag fahre ich mit Vladimir nach Petrovac na Moru. Es ist mild am Meer, fast 20 Grad. Das kleine Städtchen mit der malerischen Bucht soll im Mai für drei Tage alle Landesleiter des Balkans beherbergen. Ich suche mit Vladimir ein geeignetes Hotel. Wir werden fündig. Freundlich zeigt uns die leitende Mitarbeiterin die Räume. Es ist ihr etwas peinlich, dass wegen der Winterpause alles so unvorbereitet aussieht. «Ich werde Ihnen einen Rabatt geben. Senden Sie mir Ihre Anfrage per Mail, dann mache ich ein gutes Angebot.» Wir sprechen noch über den Neubau unten an der Bucht, etwa acht Stockwerke hoch. Ein Hotelkomplex, der dem halben Städtchen die Sicht aufs Meer versperrt. «Korruption, die kümmern sich nicht um die anderen», sagt sie und begleitet uns zur Tür. Auf einer Bank an der leeren Strandpromenade besprechen wir etwas später die Zukunft der Literaturarbeit Montenegros. Am Morgen las ich die Tageslosung: «Das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.» Jesaja 11,9. Ich übersetze die Worte für Valdimir. Aufgeben ist für uns beide keine Lösung. Einen Nachfolger für Nedeljko gibt es aber auch nicht. Ich zeichne auf meinem Block drei Felder. Drei Verbreitungsformen kombiniert könnten die Lösung sein. Vladimir will einige Leute für die Literaturverteilung gewinnen. «Viele haben nur unregelmässig Arbeit. Es gibt also Zeiten, in denen sie mitarbeiten könnten, z.B. Lazar, aber auch andere. Eine kleine Entschädigung könnte der Arbeit und den Verteilern helfen. Sie könnten einen Drittel verteilen. Einsatzteams könnten ein weiteres Drittel beitragen. Und das letzte Drittel wollen wir der Post übergeben. Vladimir will diese Möglichkeit abklären. Unser Ziel steht fest: In zwei Jahren soll das Evangelium in jedes Haus von Montenegro gebracht werden. Vladimir ist sehr dankbar, dass ich gerade jetzt nach Montenegro gekommen bin.

Serbien

Die Propeller surren. Der Rumpf vibriert. Unter mir liegen die Berge Montenegros und etwas später die Bergdörfer Südserbiens. Ivica S. hat heute 68000 Weihnachtskarten mit einer frohen Botschaft und Bestellmöglichkeiten auf die Post gebracht. Da unten in den Hügeln Südserbiens gibt es kaum evangelische Kirchen. Zu Fuss dauert es Jahre, bis jedes Haus besucht ist. Und es ist oft auch gefährlich, Gottes Wort zu verbreiten. Die Post macht es gut, die kennen jedes Haus. Kein Land hat so viele Reaktionen wir Serbien. Der Rekord liegt bei 700 Antwortkarten in einem Monat.

Am Dienstag warten die Verteiler Serbiens in der kleinen Baptistenkirche von Pancevo auf mich. 50 Augen schauen erwartungsvoll auf die Tür. Viele sind weite Strecken gereist. Als wir das Treffen planten, hatte ich Angst, dass Schnee ihre Anreise verhindern könnte. Aber sie sind alle gekommen! Jeder trägt in seiner Gegend das Evangelium in jedes Haus. Einige sind schon fast fertig, andere haben erst begonnen. Sie erzählen von ihren Ängsten, von suchenden Menschen, von bellenden Hunden. «Wir tun es gern. Es ist eine grosse Bereicherung für unsere Leben.» Ich zeige Bilder, ermutige sie, danke. Danach gibt es riesige serbische Burger. Da kann MacDonalds einpacken. Wir sitzen lange zusammen, plaudern, teilen Freud und Leid. Lidia unsere Sekretärin hat Metastasen im Rücken und in einem Bein. Sie musste bestrahlen. Die starke Chemotherapie ist abgeschlossen. Zum zweiten Mal hat sie die Haare verloren. Was bringt die Zukunft?

Am Morgen vor der Abreise trinke ich mit Ivicas Schwiegermutter türkischen Kaffee. Sie macht ihn immer extra für mich bereit, wenn ich aufgestanden bin. Wir können keine gemeinsame Sprache sprechen. Sie streicht mir immer wieder kräftig über den Arm. Aus Dankbarkeit. Das Evangelium ist ihre Kraft: «Bosche, o Bosche moi!» Sie hat nicht aufgegeben als sie ihren Mann im Krieg verlor. Auch nicht als zwei ihrer drei Töchter bei einem Autounfall starben. Sie ist im Krieg von Kroatien nach Serbien geflohen, hat sich ein Haus gebaut und pflegt einen grossen Garten, damit sie wenig kaufen muss.

Bosnien-Herzegowina

Sarajevo. Radovan T. holt mich am Flughafen ab. Wir haben nach der Ankunft ein Treffen mit dem Allianzpräsidenten vereinbart. «Willst du dich mit Tomislav treffen?» fragt Radovan, als wir schon im Auto sitzen. «Ja, natürlich!» Er ruft an. Tomislav ist in einer andern Stadt. «Er braucht etwa zwei Stunden bis er hier ist. Dann ist es schon dunkel und wir müssen noch nach Novi Travnik fahren. Wir verschieben auf Freitag. Bosnische Spontanplanung! Eine Frau kommt mir in den Sinn: die Leiterin von OM Bosnia. «Könnten wir sie treffen?» Radovan ruft an. Es passt! Ich nutze die Spontanität auf dem Balkan, statt mich aufzuregen. Claudia macht Kaffee. Das Gespräch ist sehr wertvoll. Sie kennt Leute. Sie kennt Bosnien. Und sie kennt einen Mann, der vielleicht auch im zukünftigen Literaturteam mitarbeiten könnte.

Eine Nacht schlafe ich bei Radovan. Am Morgen berichtet er mir von seiner Arbeit und zeigt mir die Buchführung. Danach treffen wir uns mit Pero und Tea. Radovan möchte sie als Nachfolger haben. Pero hat ihm in den vergangenen Jahren viel geholfen. Er kennt das ganze Land, die Gemeinden, die Pastoren. Aber kann er eine landesweite Arbeit leiten? Ist er der richtige Mann oder nur ein guter Helfer? Tea könnte ihn gut ergänzen. Sie ist kommunikativ stark und kennt sich mit Computer und Internet aus. Sie arbeitet bei einer Telekomfirma. Ich zeige anhand einer Grafik die vielfältigen Bereiche der Arbeit auf. Eine klare Aufgabenteilung mit geregelten Kompetenzen ist wichtig. Gemeinsam sehe ich sie als ein starkes Team, das die Gesamtleitung übernehmen könnte.

Die letzte Nacht meiner Reise schlafe ich bei Pero und Tea. So kann ich den Abend nutzen, um sie noch besser kennenzulernen. Sie haben zwei Kinder nach der Geburt verloren und viel mit Gott erlebt. Am Morgen bringt mich Radovan zum Allianzpräsidenten Tomislav nach Sarajevo und danach auf den Flughafen. Das Gespräch hilft mir, Bosnien besser zu verstehen. «Für mich ist Pero ganz klar der Favorit!», sagt Tomislav. «Er deckt vielleicht nicht alle Anforderungen perfekt ab, aber er ist definitiv auch das kleinste Risiko, weil er schon lange treu Literatur verteilt. Im ganzen Land das Evangelium in jedes Haus tragen ist keine leichte Aufgabe. Jeder neue Mann könnte sie unterschätzen. Pero weiss genau, was auf ihn zukommt.» Meine eigenen Eindrücke bestätigen sich. Aber ich denke, man sollte Pero und Tea mit einem motivierten Team stärken. «Hast du jemanden aus deiner Gemeinde, der mit Pero und Tea ein Literaturteam bilden könnte?» frage ich. Tomislav nennt mir denselben Mann, den vorgestern schon Claudia, die Leiterin von OM, nannte. Er wird ihn für den nächsten geplanten Literatureinsatz in Sarajevo einladen. So können alle einander kennenlernen.

Mein Koffer ist aufgegeben. Ich sitzen wie geplant mit einem weiteren Kandidaten am Bistrotisch im Flughafen. Ein begabter junger Mann, voller Ideen und Gedanken. Ich zeige ihm die Grafik mit den Aufgaben des Landesleiters. Gemeinden mobilisieren ist eine der drei Hauptaufgaben. «Das geht nicht. Die Gemeinden haben versagt…», platzt es aus ihm heraus. Er merkt selber, wie schwierig nun das Gespräch werden wird. Hinter seiner Aussage steckt viel eigene Erfahrung und Enttäuschung. Er ringt darum, wie Glaube Menschen ergreifen und nachhaltig prägen kann. Ernsthaft. Von sich selbst überzeugt. Aber wie soll er mit diesem negativen Bild von den bestehenden Gemeinden zur Verbreitung des Evangeliums motivieren? Wie will er den Glauben von interessierten Lesern vertiefen, wenn er glaubt, nur seine Methode habe Zukunft? Er kann nicht überall zur gleichen Zeit sein. Es ist wohl besser, wenn er sich lokal um das Wachstum einiger junger Christen kümmert, wie er es jetzt schon macht.

Ich habe durch alle Begegnungen wieder viel dazugelernt. Es waren fünf intensive Tage auf dem Balkan. Daheim muss ich Entscheidungen treffen. Ich sehe die Zukunft vor mir entstehen. Tomislav war bei meiner Ankunft in einer anderen Stadt. Balkanplanung! Das hat vieles umgekrempelt, aber am Schluss war es gut so. Vielleicht sogar besser. Der Balkan liegt geografisch und kulturell ja näher an der Geburts- und Wirkungsstätte von Jesus Christus als die Schweiz. Es wäre gut möglich, dass Jesus spontaner und herzlicher gehandelt hat als wir Schweizer. Mir kommen die Losungsworte vom Montag wieder in den Sinn: «Das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.» Jesaja 11,9

Wir bleiben dran. Das Evangelium soll in jedes Haus auf dem Balkan gebracht werden. 20 000 000 Haushalte gibt es in ‹meinen› 13 Ländern. In rund 2,8 Millionen Haushalten konnte man 2015 die gute Nachricht lesen, weil unsere Mitarbeiter treu waren und weil Gott noch viel treuer ist. Bosche, o Bosche moi! Gott, oh mein Gott! Nichts ist wichtiger als diese Antwort auf Gottes Liebe zu uns.

 

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